Historische Entwicklungen in der Trans* Behandlung

Magnus Hirschfeld

1923 hat der deutsche Arzt und Sozialforscher Magnus Hirschfeld hat Begriff des "Seelischen Transsexualismus" erstmals verwendet, ohne allerdings näher zu definieren, was darunter gemeint ist (Die intersexuelle Konstitution, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, XXIII). Hirschfeld hat sich an seinem Berliner "Institut für Sexualwissenschaft" schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts für Vornamensänderungen für Trans* Personen eingesetzt und sich, im Gegensatz zu anderen Medizinern, die den "Transvestitismus" wegtherapieren wollten, an einer hormonellen "Adaptionstherapie" versucht. Auch genitalanpassende Operationen wurden damals in Deutschland schon durchgeführt. (Siehe Online Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft)

Erst 1953 griff der deutsch-amerikanische Endokrinologe Harry Benjamin (1885-1986) den Begriff der "Transsexualität" wieder auf und etablierte ihn in einer Bedeutung, die er bis heute im Wesentlichen beibehalten hat: Transsexuelle sind Menschen, die als Angehörige des anatomisch anderen Geschlechts leben und anerkannt werden wollen und die den eigenen Körper durch medizinische Behandlung an das andere Geschlecht anpassen wollen.

Die Pioniere der Transgender Forschung haben viel zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Trans* Personen und deren Zugang zu medizinischen Behandlungen beigetragen. Damit wurden sie auch Wegbereiter einer Klassifizikation und Pathologisierung, in der sich viele Trans* Personen nicht wiedererkennen können und wollen. Auch Transgender-ExpertInnen erkennen heute eine breites Spektrum nicht-geschlechtskonformer Lebensweisen an, das nicht allein durch die Häufigkeit des Auftretens im "anderen Geschlecht" beschrieben werden kann.

Die Harry Benjamin Skala

Harry Benjamin

In den 60-er Jahren ist nach der populär gewordenen geschlechtsanpassenden Operation von Christine (davor George) Jorgensen das Interesse an operativen Anpassungen so gestiegen, dass die Frage, welchen Menschen Operationen zu empfehlen sind, ins Zentrum der Analyse von Transgenderismus rückte.

Als Pionier dieser Forschergeneration publizierte Harry Benjamin 1966 seine lesenswerte Arbeit "The Transsexual Phenomen" (1966, Julian Press, New York). Sie ist im Original auf www. tgmeds.org.uk veröffentlicht.

Benjamin entwickelte eine zunächst 3-gliedrige Skala, in der er (I) Transvestiten, (II) nicht operationsbedürftige TS und (III) TS höherer Intensität klassifizierte. Zur Operation sollten nur Personen des Typs III zugelassen werden, da solche ja auch im Gegensatz zu TS des Typs II - laut dieser Klassifikation - eine Operation verlangen. Er charakterisierte die einzelnen Typen aufgrund ihres Verhältnisses zur Kleidung und ihrer sexuellen Orientierung.

Den "wahren" Transsexualismus beschrieb er so: "Wahre Transsexuelle empfinden sich als Angehörige des anderen Geschlechts, sie wollen Angehörige des anderen Geschlechts sein und als solche funktionieren, nicht nur so erscheinen. Ihre Geschlechtsorgane, die primären (Hoden) genauso wie die sekundären (Penis und andere) sind widerwärtige Deformationen die durch das Messer des Chirurgen verändert werden müssen."

Wir präsentieren hier eine von Anne E. Curr modifizierte Version der Harry Benjamin Skala, in der auch seinerzeit von der Harry Benjamin International Gender Dysphoria Association (heute: WPATH.org) empfohlene Änderungen berücksichtigt wurden.

Trans* Typen nach Benjamin:

Typ 0 - Normalo - (Mehrheit)

Typ 1 - Transvestit - (Pseudo)

Typ 2 - Transvestit - (Fetischistisch)

Typ 3 - Transvestit - (Wirklicher/Wahrer)

Typ 4 - Transsexuell - (Ohne Operation)

Typ 5 - Transsexuell - (Gemäßigt ausgeprägt)

Typ 6 - Transsexuell - (Stark ausgeprägt)

TYP 0

Normale sexuelle Orientierung und Identifikation, heterosexuell, bisexuell oder homosexuell. Die Idee des "dressing" (Kleidung des anderen Geschlechts tragen) oder "Geschlechtswechsels" sind fremd und unangenehm. Dies betrifft die größte Mehrheit aller Menschen.

TYP I - Tranvestit (Pseudo)

  • Geschlechts-"gefühl": Männlich.
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben: Normales männliches Leben. Hat eventuell "Spaß" an "dressing". Nicht wirklich TV.
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben: Für gewöhnlich heterosexuell. Selten bisexuell. Masturbation mit fetisch. Empfindet Schuld. "Befreit sich", kehrt aber wieder zu seinen Gewohnheiten zurück.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS): Wird nicht wirklich in Betracht gezogen.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie: Wird icht in Betracht gezogen. / Nicht erforderlich.
  • Psychotherapie: Nicht gewollt. Nicht notwendig.
  • Bemerkungen:Nur sporadisches Interesse an "dressing". Hat selten einen weiblichen Namen wenn "dressed".

TYP II - Transvestit (Fetischistisch)

  • Geschlechts-"gefühl":Männlich.
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben:Lebt als Mann. "Dressing" periodisch oder zeitweise. "Dressing" unter männlicher Kleidung ("Underdressing").
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben: Für gewöhnlich heterosexuell. Kann bisexuell oder homosexuell sein. "Dressing" und "Geschlechtswechsel" hauptsächlich in Masturbationsfantasien.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS): Erwägt es eventuell in der Fantasie. Sonst ablehnend.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie: Selten interessiert. / Kann helfen den Geschlechtstrieb zu reduzieren.
  • Psychotherapie: Kann in günstiger Umgebung erfolgreich sein.
  • Bemerkungen: Imitiert eventuell männliche und weibliche Doppelpersönlichkeit mit männlichem und weiblichem Namen.

TYP III - Transvestit - Wirklicher/Wahrer

  • Geschlechts-"gefühl": Männlich (aber mit weniger Überzeugung).
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben: "Dressing" regelmäßig oder so oft wie möglich. Lebt unter Umständen als Frau und wird auch als solche akzeptiert. Trägt eventuell weibliche unter männlicher Kleidung ("Underdressing").
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben: Heterosexuell, außer wenn in Kleidung des anderen Geschlechts. "Dressing" bringt sexuelle Befriedigung und Erleichterung. Schmeisst oft alles hin, kehrt dann aber zu seinen Gewohnheiten zurück.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS): Wird abgelehnt, aber die Idee ist verlockend.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie: Reizvoll als Experiment. / Kann zur Diagnose hilfreich sein.
  • Psychotherapie: Selbst wenn eine Therapie versucht wird, ist eine Änderung des Zustands nur sehr selten möglich.
  • Bemerkungen: Gibt sich eventuell als doppelte Persönlichkeit. Tendiert möglicherweise Richtung Transsexualismus.

TYP IV - Transsexuell - Ohne Operation

  • Geschlechts-"gefühl": Unklar, schwankt zwischen TV und TS. Lehnt eventuell jegliches "Geschlecht" ab.
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben: "Dressing" so oft wie möglich, allerdings mit ungenügender Erleichterung bezüglich der Geschlechtsstörung. Lebt als Mann oder als Frau.
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben: Geschlechtstrieb gering. Normalerweise asexuell oder autoerotisch (Lustgewinn und Triebbefriedigung ohne Partnerbezug). Eventuell bisexuell.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS): Verlockend aber nicht notwendig.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie: Wird benötigt zur Beruhigung und zum emotionellen Ausgleich.
  • Psychotherapie: Nur als Führung, wird allerdings sehr oft abgelehnt und ist nicht erfolgreich.
  • Bemerkungen: Sozialleben ist von den Umständen abhängig. Identifiziert sich oft als "TransGenderist".

TYP V - Wirklich Transsexuell - Gemäßigt ausgeprägt

  • Geschlechts-"gefühl": Weiblich, "gefangen" in einem männlichen Körper.
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben: Lebt und arbeitet wenn möglich als Frau. Keine ausreichende Erleichterung durch "dressing".
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben: Geschlechtstrieb gering. Asexuell, autoerotisch oder passiv homosexuell aktiv. War eventuell verheiratet und hat Kinder.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS): Gewünscht.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie: Wird benötigt als Ersatz oder als Vorbereitung zur SRS Operation.
  • Psychotherapie: Wird abgelehnt, außer es besteht die Möglichkeit einer Heilung. Erlaubt jedoch psychologische Führung.
  • Bemerkungen: Hofft auf und arbeitet für die Operation, wird oft erreicht.

TYP VI - Wirklich Transsexuell - Stark ausgeprägt

  • Geschlechts-"gefühl": Weiblich. Totale "psycho-sexuelle" Umkehrung.
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben: Lebt und arbeitet üblicherweise als Frau. Keine Erleichterung durch "dressing". Geschlechtsstörung stark.
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben: Wünscht sich, in jungen Jahren, stark, Beziehungen zu normalen Männern als Frau. Später geringer Geschlechtstrieb. Heterosexuell, bisexuell oder lesbische Identifizierung. War eventuell verheiratet und hat Kinder.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS): Dringend gewünscht und üblicherweise erreicht.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie: Benötigt für teilweise Erleichterung.
  • Psychotherapie: Psychologische Führung oder Psychotherapie nur zur symptomatischen Erleichterung (nur auf die Symptome nicht auf die Krankheitsursache einwirkend).
  • Bemerkungen: Verachtet ihre männlichen Sexualorgane. Ernste Gefahr von genitaler Selbstverstümmelung oder sogar Selbstmord bei zu langer Frustration bevor SRS durchgeführt wird.

Original Version: Harry Benjamin © 1966, Julian press
Modifizierte Version: Anne Curr © 1995, Basic Books
Ins Deutsche übersetzt 1997

 

 

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